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Rainer Maria Rilke - Das Karussell

Text: Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
nur dass er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen heißen Hand
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgendwohin, herüber -

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil -.
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel. . .
Epoche: Symbolismus
Gattung: Dinggedicht
Versmaß: 5-hebiger Jambus
Reimschema: vorwiegend umarmender Reim
a-b-b-a
Gedichtanalyse:

Das Gedicht "Das Karussell" von Rainer Maria Rilke stammt aus der Gedichtssammlung Neue Gedichte, in der Rilke vor allem Dinggedichte veröffentlicht hat. Auch bei dem vorliegenden Gedicht handelt es sich um ein solches Dinggedicht, bei dem das lyrische Ich und seine Selbstreflexion in den Hintergrund treten. Dafür werden die "Dinge" selbst beschrieben und das lyrische Ich nimmt sich ganz aus der Beschreibung heraus. Man kann es nur noch erahnen, da es die beschriebene Situation erleben oder sich erdenken muss, um sie dem leser mitzuteilen. Rilkes Ding-Dichtung wurde vor allem durch die Arbeit an der Rodin-Monographie und der Tätigkeit als Rodins Sekretär beeinflusst. Das Gedicht besteht aus fünf ungleich langen Strophen (8-3-3-4-6), die teilweise durch einen Vers voneinander getrennt sind. Es liegt ein Reimschema mit vorwiegend umarmenden reimen vor.

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Interpretation:

In dem Gedicht "Das Karussell" von Rainer Maria Rilke wird das Aussehen und die Bewegung eines Karussells beschrieben. Die Beschreibung der Sinneseindrücke wird vor allem durch die nennung von Farben untermauert. Das passt auch zu dem farbenfrohen Erscheinungsbild eines Karussells. Die Drehbewegung des Karussels wird durch verschiedene Stilmittel verdeutlicht. Einerseits durch die verwendeten Enjambements und die häufige Verwendung der Konjunktion "und", z.B. auch als Anapher:

Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen heißen Hand

Die Enjambements und Aufzählungen reissen den Leser geradezu in das Tempo des Gedichts hinein. Es ist wie bei den kleinen Kindern, die staunend vor einem Karussell stehen und gar nicht aufhören können, die schönen Dinge aufzuzählen, die sie sehen. Und das auch ohne inne zu halten, denn im nächsten Moment erscheint das nächste Tier auf dem drehenden Karussell. Das stets schnelle und dennoch gleichmäßige Tempo wird durch den durchgängig fünfhebigen Jambus unterstützt. Die Pünktchen am Ende des Gedichts deuten an, dass das Drehen kein Ende nimmt. Die sich wiederholende Erwähnung des Elefants ist symbolisch und verweist natürlich neben all den Einfachnennungen auf die Drehbewegung und die häufige Wiederkehr der Tierschar.
In der ersten Strophe wird der Gesamteindruck des Karussells beschrieben. Mit "alle aus dem Land / das lange zögert, eh es untergeht." ist die Kindheit gemeint. Dazu gehört auch die Erwähnung der Mädchen, die dem Karussell "fast schon entwachsen" sind. Denn obwohl sie schon zu alt für dieses bezaubernde Spiel sind, halten sie daran fest. In den darauffolgenden Strophen werden Einzeleindrücke aufgezählt, die besonders durch die Farbverwendung hervorstechen. In der letzten Strophe wird auf die Ziellosigkeit des Kerussells und seine magische Kraft eingegangen. Es ist alles bunt und die schnelle Bewegung zieht die Kinder in den Bann, ohne dass sie ganz in das Spiel vertieft sind. Nur manchmal lächeln sie daraus und zeigen damit den außenstehenden Erwachsenen, wie selig die Welt des Karussells ist.

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