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Roman schreiben - Der rote Faden

Der Anfang – Er bestimmt den ganzen Roman

Der Beginn Ihres schriftstellerischen Werkes beeinflusst den ganzen Roman. Denn:
Den Erzählstil, den Sie einführen, müssen Sie weiterhin beibehalten!
Betrachten wir zunächst unser Beispiel Effi Briest:

“In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familie von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstraße, während nach der Park- und Gartenseite hin ein rechtwinklig 00angebauter Seitenflügel einen breiten Schatten erst auf einen weiß und grün quadrierten Fliesengang und dann über diesen hinaus auf ein großes, in seiner Mitte mit einer Sonnenuhr und an seinem Rande mit Canna indica und Rhabarberstauden besetzten Rondell warf. Einige zwanzig Schritte weiter, in Richtung und Lage genau dem Seitenflügel entsprechend, lief eine ganz in kleinblättrigem Efeu stehende, nur an einer Stelle von einer kleinen weißgestrichenen Eisentür unterbrochene Kirchhofsmauer, hinter der der Hohen-Cremmener Schindelturm mit seinem blitzenden, weil neuerdings erst wieder vergoldeten Wetterhahn aufragte. Fronthaus, Seitenflügel und Kirchhofsmauer bildeten ein einen kleinen Ziergarten umschließendes Hufeisen, an dessen offener Seite man eines Teiches mit Wassersteg und angekettetem Boot und dicht daneben einer Schaukel gewahr wurde, deren horizontal gelegtes Brett zu Häupten und Füßen an je zwei Stricken hing - die Pfosten der Balkenlage schon etwas schief stehend. Zwischen Teich und Rondell aber und die Schaukel halb versteckend standen ein paar mächtige alte Platanen.”

Dieser Erzählstil muss nicht unbedingt der von Ihnen favorisierte sein, immerhin ist Effi Briest erstmals 1894 erschienen und ist ein exemplarisches Beispiel für die Romane aus dem Realismus, einer Epoche, in der objektive und ausführliche Beschreibungen im Vordergrund standen. Und Sie können sich sicher sein, dass dieser Erzählstil den ganzen Roman für sich einnimmt. Zum Inhalt des Anfangs kann man sagen, dass Effis Elternhaus beschrieben wird. Dieses Gebäude ist Anfang und Ende für Effis Leben und deswegen taucht es sowohl am Ende als auch am Anfang des Romans auf. Sie können natürlich auch ganz anders mit Ihrer eigenen Geschichte anfangen. Ein paar Eindrücke will ich Ihnen noch mit folgenden Romananfängen vermitteln. Lesen Sie die folgenden Romananfänge und lassen Sie diese auf sich wirken. Machen Sie sich Gedanken über den gewählten Erzähler und den Stil des Erzählens und welche Kriterien der Autor im weiteren Verlauf des Textes eingehalten haben wird, um dem eingeschlagenen Weg treu zu bleiben.
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“Wie froh bin ich, daß ich weg bin! Bester Freund, was ist das Herz des Menschen! Dich zu verlassen, den ich so liebe, von dem ich unzertrennlich war, und froh zu sein! Ich weiß, du verzeihst mir's. Waren nicht meine übrigen Verbindungen recht ausgesucht vom Schicksal, um ein Herz wie das meine zu ängstigen? Die arme Leonore! Und doch war ich unschuldig.”

“Als Zarathustra dreissig Jahr alt war, verliess er seine Heimat und den See seiner Heimat und ging in das Gebirge. Hier genoss er seines Geistes und seiner Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahr nicht müde. Endlich aber verwandelte sich sein Herz, - und eines Morgens stand er mit der Morgenröthe auf, trat vor die Sonne hin und sprach zu ihr also: ‘Du grosses Gestirn! Was wäre dein Glück, wenn du nicht Die hättest, welchen du leuchtest![...]’”

“Die Eltern lagen schon und schliefen, die Wanduhr schlug ihren einförmigen Takt, vor den klappernden Fenstern sauste der Wind; abwechselnd wurde die Stube hell von dem Schimmer des Mondes. Der Jüngling lag unruhig auf seinem Lager, und gedachte des Fremden und seiner Erzählungen.”

“In einer Stadt, die ich aus mancherlei Gründen weder nennen will, noch mit einem erdichteten Namen bezeichnen möchte, befand sich unter anderen öffentlichen Gebäuden auch eines, dessen sich die meisten Städte rühmen können, nämlich ein Armenhaus. In diesem wurde an einem Tage, dessen Datum dem Leser kaum von Interesse sein kann, der Kandidat der Sterblichkeit geboren, dessen Namen die Kapitelüberschrift nennt.”

“Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig, der Schnee tröpfelte emsig vom Dache, die Sperlinge zwitscherten und tummelten sich dazwischen; ich saß auf der Türschwelle und wischte mir den Schlaf aus den Augen; mir war so recht wohl in dem warmen Sonnenscheine.”

“In der Straße St. Honoré war das kleine Haus gelegen, welches Magdaleine von Scuderi, bekannt durch ihre anmutigen Verse, durch die Gunst Ludwigs XIV. und der Maintenon, bewohnte. Spät um Mitternacht – im Herbste des Jahres 1680 – wurde an dieses Haus hart und heftig angeschlagen, daß es im ganzen Flur laut widerhallte. – Baptiste, der in des Fräuleins kleinem Haushalt Koch, Bedienten und Türsteher zugleich vorstellte, war mit Erlaubnis seiner Herrschaft über Land gegangen zur Hochzeit seiner Schwester, und so kam es, daß die Martiniere, des Fräuleins Kammerfrau, allein im Hause noch wachte.”

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Auch wenn ich hierzu kein Beispiel gebracht habe, können Sie Ihr Buch natürlich mit einem Dialog beginnen. Oder mit einem einzigen Wort. Wenn Sie z.B. über einen Banküberfall schreiben wollen, könnten Sie Ihr Buch bspw. So beginnen:

1. Geld! Das war es was Gerd nie hatte. Seine Liebschaften hatte er aufgehört zu zählen, genauso wie die Zahl der unbeglichenen Rechnungen, die er im Wohnzimmerschrank versteckte. usw.

2. “Gerd!“ „Ja, Liebste?“ „Ich war auf der Bank. Sie gewähren uns keinen Kredit, von wegen Sicherheiten und so.“ usw.

3. Im Bücherregal neben dem kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher stand „Das Kapital“ von Karl Marx. Der Buchrücken war schon alt und abgenutzt vom vielen Lesen. Vor dem Fernseher stand ein rotes Sofa, das auf der rechten Sitzfläche einen großen Urinfleck aufwies, der sich nicht rauswaschen ließ. Der Hund lag auf einer Decke hinter dem Sofa und traute sich in Erinnerung an das Gezeter nach seiner Blasenentleerung nicht mehr auf die viel gemütlichere Couch, die so weich war, dass man das Gefühl hatte, auf den Boden zu sinken. usw.

Diese Anfänge sollen Ihnen Einblicke in die mögliche Gestaltung Ihres Romans geben. Insbesondere der auktoriale Erzähler aus dem dritten Beispiel bereitet jedem Autor viel Freude, da man sein eigener kleiner Schöpfer ist und freie Hand hat, welche Dinge man anspricht oder verschweigt. Sie werden sehen, dass es kaum unterhaltsamere Aufgaben im Schriftstellerdasein gibt, als mit dem Wissen eines Allwissenden zu jonglieren. Denn als Autor ist Ihr Wissen stark begrenzt, aber als allwissender Erzähler sind Sie einmal in einer Situation, in der Sie alles wissen.