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Roman schreiben - Figuren

Keine Handlung ohne Handelnde! Ein Roman wird erst lebendig durch seine handelnden Personen, oder auch Tiere, wie E.T.A. Hoffmann mit seinem Roman "Lebensansichten des Kater Murr" zeigt. Kein anderer Tierroman hat dessen Klasse bisher auch nur annähernd erreicht. Ein Blick in das Buch lohnt sich allemal, auch für Autoren, die sich lieber mit Menschen beschäftigen.

Besonders elementar im Zusammenhang mit den Figuren sind natürlich deren Dialoge, auf die wir im Kapitel "3.1. Dialog" zu sprechen kommen. Zunächst will ich ihnen erklären, was wichtig ist für die handlungstragenden Lebewesen in einem Prosawerk.

Am allerwichtigsten:

Keine Person ohne Persönlichkeit!

Unerfahrene Autoren neigen beständig dazu, ihre eigenen Eigenschaften in die Figuren zu packen. Das ist reichlich einseitig, weil man selbst, von ein paar Spezialfällen ausgenommen, nur eine Persönlichkeit besitzen und die Persönlichkeit die einzelnen Figuren Ihres Romans voneinander unterscheidbar machen sollte. Auch das Aussehen der einzelnen Personen ist für den Wiedererkennungswert wichtig und sollte nicht allzu stereotyp sein. Also nicht alle attraktiven Frauen in Ihrem Roman müssen blond und blauäugig sein und ihren Hintern in einen viel zu kurzen Minirock zwängen. Gerade das Unstereotype macht Ihre Figuren interessant und bewahrt diese vor Fehleinschätzungen Ihrer Leser.

Hierfür wieder ein paar Beispiele aus unserem Vorzeigeroman:

Effi wird uns im Roman als quirliges, junges Mädchen vorgestellt, das so gar nicht ihrer adligen Herkunft entspricht. Sie sieht aus wie ein Matrosenjunge, ist aber ein von Grund auf herzensguter Mensch. Sie liebt das Risiko und stellt sich ihre Zukunft wie ein Märchen vor, in dem sie die Prinzessin ist.

Ihr Mann, von Instetten, ist Landrat und ein alter Freund der Mutter. Er hat eine gute Figur und wirkt sehr männlich. Er verfügt über gute Sitten. Seine Karriere steht für ihn an erster Stelle und er befolgt stets die Normen der Gesellschaft.

Der Liebhaber, Major von Crampas, zeigt sich als Kavalier und hat bereits, trotz seiner Ehe, verschiedene Liebschaften hinter sich. Crampas hält nichts von Gesetzen und verhält sich leichtsinnig. Statt seinem Beruf nachzugehen, genie0t er lieber Freizeitaktivitäten wie Ausritte zu Pferd.

Und seine Frau zeichnet sich als Kennerin der gesellschaftlichen Umgangsformen aus und handelt nach den vorherrschenden Konventionen.

Herr Briest hingegen nimmt diese Konventionen nicht ganz so ernst. Er ist stolz auf seine adlige Herkunft und Menschen gegenüber skeptisch.

Sie sehen, dass jede der genannten Personen ihre eigenen Eigenheiten hat. Diese müssen Sie natürlich beim Schreiben stets beibehalten. Also im Notfall auch über 400 Seiten Text. Das ist für ungeübte Laien nicht einfach zu bewältigen. Daher sollten sie sich Ihre Charakterliste stets mit den prägnantesten Merkmalen ausdrucken und vor Augen führen. Außerdem empfehle ich Ihnen zweimal wöchentlich Schreibübungen, bei denen Sie einfach neue Figuren erfinden, die nicht in Zusammenhang mit Ihrem Werk stehen. Das kann zum Beispiel so aussehen:

"Denke dir einen corpulenten, breitschultrigen alten Mann, mit einem bis an die Seitenhaare kahlen Silenenkopf, und dem rüstigen Ansehen eines ächten Abkömmlings der Sieger bei Marathon und Salamin44; und ermiß nun selbst, welch einen Contrast eine solche Figur mit der Erwartung eines jungen Menschen machte, der sich nach einem ziemlich allgemeinen Vorurtheil, einen wegen seiner Weisheit und Geistesgröße berühmten Mann nicht anders als mit dem Kopf eines Pythagoras oder Solon denken konnte! Aber der vielumfassende Verstand, der in dieser hohen und breiten, über den buschigen Augenbrauen sich weit hervor wölbenden Stirne wohnt; [38] der Geist, der aus diesen stieren Augen blitzt, und dir mit jedem Blick bis auf den Grund deines Innern zu sehen scheint; der entschiedene Ausdruck eines festen, männlichen, keiner Furcht noch Schwäche fähigen Charakters, einer unwandelbaren Heiterkeit und Gleichmüthigkeit und einer biedern allen Menschen wohlwollenden Seele, dieser Ausdruck, der seinem ganzen Gesicht scharf und tief aufgeprägt ist, macht in wenig Augenblicken den ersten widrigen Eindruck schwinden; du fühlst dich immer stärker und stärker von ihm angezogen; ein unerklärbarer Zauber hält dich in seinem Kreise fest, und du wünschest, dich in deinem ganzen Leben nie wieder von ihm entfernen zu dürfen."

Nun will ich Ihnen ein paar Textbeispiele aus Fontanes Roman geben. Erinnern Sie sich noch daran, welche Charaktereigenschaften zu den Personen gehören? Nein, lesen Sie die Beschreibungen nicht noch einmal und fahren Sie mit folgendem Zitat fort, in dem ich die Personennamen durch Kürzel ersetzt habe:

P1 trat heran. Er war in Zivil und küßte der in ihrem Schaukelstuhl sich weiter wiegenden P2 die Hand. "Entschuldigen Sie mich, P1, daß ich so schlecht die Honneurs des Hauses mache; aber die Veranda ist kein Haus, und zehn Uhr früh ist eigentlich gar keine Zeit. Da wird man formlos oder, wenn Sie wollen, intim. Und nun setzen Sie sich, und geben Sie Rechenschaft von Ihrem Tun. Denn an Ihrem Haar (ich wünschte Ihnen, daß es mehr wäre) sieht man deutlich, daß Sie gebadet haben."
Er nickte.
"Unverantwortlich", sagte P3, halb ernst-, halb scherzhaft. "Da haben Sie nun selber vor vier Wochen die Geschichte mit dem Bankier Heinersdorf erlebt, der auch dachte, das Meer und der grandiose Wellenschlag würden ihn um seiner Million willen respektieren. Aber die Götter sind eifersüchtig untereinander, und Neptun stellte sich ohne weiteres gegen Pluto oder doch wenigstens gegen Heinersdorf. "
P1 lachte.
"Ja, eine Million Mark! Lieber P3, wenn ich die hätte, da hätt ich es am Ende nicht gewagt; denn so schön das Wetter ist, das Wasser hatte nur neun Grad. Aber unsereins mit seiner Million Unterbilanz, gestatten Sie mir diese kleine Renommage, unsereins kann sich so was ohne Furcht vor der Götter Eifersucht erlauben. Und dann muß einen das Sprichwort trösten: 'Wer für den Strick geboren ist, kann im Wasser nicht umkommen.'"
"Aber, P1, Sie werden sich doch nicht etwas so Urprosaisches, ich möchte beinah sagen, an den Hals reden wollen. Allerdings glauben manche, daß ... ich meine das, wovon Sie eben gesprochen haben ... daß ihn jeder mehr oder weniger verdiene. [...] "
"Ist es keine herkömmliche Todesart. Zugegeben, meine Gnädigste. Nicht herkömmlich und in meinem Fall auch nicht einmal sehr wahrscheinlich - also alles bloß Zitat oder noch richtiger façon de parler. Und doch steckt etwas Aufrichtiggemeintes dahinter, wenn ich da eben sagte, die See werde mir nichts anhaben. Es steht mir nämlich fest, daß ich einen richtigen und hoffentlich ehrlichen Soldatentod sterben werde. Zunächst bloß Zigeunerprophezeiung, aber mit Resonanz im eigenen Gewissen."
P3 lachte. "Das wird seine Schwierigkeiten haben, P1, wenn Sie nicht vorhaben, beim Großtürken oder unterm chinesischen Drachen Dienst zu nehmen. Da schlägt man sich jetzt herum. Hier ist die Geschichte, glauben Sie mir, auf dreißig Jahre vorbei, und wer seinen Soldatentod sterben will ... "
"Der muß sich erst bei Bismarck einen Krieg bestellen. Weiß ich alles, P3. Aber das ist doch für Sie eine Kleinigkeit. Jetzt haben wir Ende September; in zehn Wochen spätestens ist der Fürst wieder in Varzin, und da er ein liking für Sie hat - mit der volkstümlicheren Wendung will ich zurückhalten, um nicht direkt vor Ihren Pistolenlauf zu kommen -, so werden Sie einem alten Kameraden von Vionville her doch wohl ein bißchen Krieg besorgen können. Der Fürst ist auch nur ein Mensch, und Zureden hilft."
P2 hatte während dieses Gesprächs einige Brotkügelchen gedreht, würfelte damit und legte sie zu Figuren zusammen, um so anzuzeigen, daß ihr ein Wechsel des Themas wünschenswert wäre. Trotzdem schien P3 auf P1 scherzhafte Bemerkungen antworten zu wollen, was denn P2 bestimmte, lieber direkt einzugreifen. "Ich sehe nicht ein, P1, warum wir uns mit Ihrer Todesart beschäftigen sollen; das Leben ist uns näher und zunächst auch eine viel ernstere Sache."
P1 nickte.
"Das ist recht, daß Sie mir recht geben. Wie soll man hier leben? Das ist vorläufig die Frage, das ist wichtiger als alles andere. Gieshübler hat mir darüber geschrieben, und wenn es nicht indiskret und eitel wäre, denn es steht noch allerlei nebenher darin, so zeigte ich Ihnen den Brief ... P3 braucht ihn nicht zu lesen, der hat keinen Sinn für dergleichen ... beiläufig eine Handschrift wie gestochen und Ausdrucksformen, als wäre unser Freund statt am Kessiner Alten Markt an einem altfranzösischen Hofe erzogen worden. Und daß er verwachsen ist und weiße Jabots trägt wie kein anderer Mensch mehr - ich weiß nur nicht, wo er die Plätterin hernimmt -, das paßt alles so vorzüglich. Nun, also Gieshübler hat mir von Plänen für die Ressourcenabende [...]. Sehen Sie, P3, das gefällt mir besser als der Soldatentod oder gar der andere."
"Mir persönlich nicht minder. Und es muß ein Prachtwinter werden, wenn wir uns der Unterstützung der gnädigen Frau versichert halten dürften. Die Trippelli kommt."
"Die Trippelli? Dann bin ich überflüssig."
"Mitnichten, gnädigste Frau. Die Trippelli kann nicht von Sonntag bis wieder Sonntag singen, es wäre zuviel für sie und für uns; Abwechslung ist des Lebens Reiz, eine Wahrheit, die freilich jede glückliche Ehe zu widerlegen scheint."
"Wenn es glückliche Ehen gibt, die meinige ausgenommen ...", und sie reichte P3 die Hand.

Na, haben Sie immer richtig geschätzt? Ja, dann verdanken sie das nicht Ihrem detektivischen Können, sondern der schriftstellerischen Qualität des Autors.

Testen Sie so die Passagen Ihres Romans. Oder bitten Sie jemanden aus Ihrer Familie oder Ihrem Freundeskreis, die Leseproben einzelnen Charakteren zuzuordnen.

Außerdem möchte ich schon einmal vorweg erwähnen, dass auch Vergleiche und Metaphern praktisch sind, um Ihren Figuren Leben einzuhauchen.

Weiterhin finden Sie in unseren Workshops auch ein paar interessante Tipps zur Gestaltung Ihrer Figuren, die Sie unbedingt zu Rate ziehen sollten, wenn Sie mit der Charaktergestaltung Probleme haben.